“Nicht mal Oma ist echt
Die Freude war groß, als das Bild aus Frankreich ankam. Die Pariser Galerie Cazeau-Béraudière hatte dem Max-Ernst-Museum in Brühl ein Selbstbildnis des deutschen Surrealisten aus dem Jahr 1934 geschenkt – als Hommage an den Kunsthistoriker Werner Spies und dessen Forschungen über Max Ernst, so die Begründung. Weil es finanziell um das Museum ohnehin nicht zum Besten stand, nahm man das Geschenk dankend an. Seither hängt das quadratische Gemälde in der zweiten Etage der Brühler Dauerausstellung.
Inzwischen allerdings hat das Bild etwas bekommen, das Schwaben wie Werner Spies ein »Gschmäckle« nennen würden. Möglicherweise war die Bilderschenkung nämlich nicht so uneigennützig, wie sie scheinen sollte. Und möglicherweise hatte sich Werner Spies, Spiritus Rector des Museums und weltweit anerkannter Max-Ernst-Experte, nicht nur um den Künstler, sondern – bewusst oder unbewusst – auch um den wirtschaftlichen Erfolg der Galerie Cazeau-Béraudière verdient gemacht.
Von März bis August 2006 hing im Max-Ernst-Museum nämlich noch ein anderes Gemälde, das erst kurz zuvor entdeckt und von Spies als echt eingestuft worden war: La Forêt von 1927. Leihgeberin des großformatigen Waldbildes war die Galerie Cazeau-Béraudière, die das Museum benutzte, um ihre Handelsware aufzuwerten – eine Ausstellung in einem Museum erhöht den Preis eines Kunstwerks.
Tatsächlich verkauften die Galeristen das Bild weiter: Für sieben Millionen Dollar landete es, nachdem es über eine Briefkastenfirma auf den Bahamas angekauft worden war, bei dem in New York lebenden Verleger und Surrealisten-Sammler Daniel Filipacchi.
Kurz darauf bedankte sich die Galerie Cazeau-Béraudière bei Spies für dessen Forschungen mit dem Bildergeschenk ans Museum. Spies gestand erst kürzlich in einem Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung, er habe für die Vermittlung von Bildern auch Kommissionen kassiert. Die hätten aber ausnahmslos im einstelligen Prozentbereich gelegen. Bei einem 7-Millionen-Bild wären das zwischen 70.000 und 630.000 Dollar.
Inzwischen will sich Werner Spies, eine der international prominentesten Figuren des deutschen Kunstbetriebs, der auch Direktor des Centre Georges Pompidou in Paris war, zu den Vorgängen nicht mehr äußern. Nach Meinung des ermittelnden Landeskriminalamtes Berlin steht nämlich fest, dass es sich bei dem großen Forêt-Gemälde, das Spies für echt erklärte und in Brühl zeigen ließ, um eine Fälschung handelt. Und zwar eine aus jener dubiosen Quelle Jägers/Knops, die seit einem halben Jahr den Kunstmarkt beschäftigt. Bereits in den kommenden Monaten beginnt ein erster Prozess vor dem Kölner Landgericht.
Vermutlich sind noch immer Fälschungen auf dem Kunstmarkt
Der Skandal hat sich inzwischen zum größten Kunstfälschungsfall der Nachkriegsgeschichte ausgeweitet und globale Dimensionen angenommen. Fast zwei Jahrzehnte lang, das zeigen Anklage und Ermittlungsergebnisse, haben sich die größten Auktionshäuser der Welt, bedeutende Galerien und Experten täuschen lassen und erst dadurch den Verkauf der Fälschungen ermöglicht. Insgesamt 47 Werke wurden vom Landeskriminalamt in Berlin während der vergangenen Monate auf Echtheit und Herkunft akribisch untersucht. Und vermutlich sind noch längst nicht alle Fälschungen enttarnt und werden weiterhin international gehandelt.
Der Fall, das zeigt sich jetzt, ist viel größer als lange angenommen. Keineswegs nur europäische Händler und Experten wie Werner Spies sind in ihn verstrickt. Mitgemischt haben auch dubiose Vermittlungsfirmen in Hongkong und auf den Bahamas sowie Kunstagenten, deren Rolle am Markt fast nie bekannt wird. Die gefälschten Bilder wurden zum Teil über Hongkong, zum Teil über Frankreich und die Schweiz, zum Teil über Monaco und die Britischen Jungferninseln verschoben.
Zwischenhändler mit Briefkastenadressen sicherten Zwischenfinanzierungen selbst für angesehene Galerien. Am Verkauf eines Max-Ernst-Bildes war die Firma Monte-Carlo Art S.A. des niederländischen Unternehmers Louis Reijtenbagh beteiligt, dem Gemälde von Rembrandt, van Gogh, Picasso und Modigliani gehörten. Als seine Plaza Group im März 2009 in New York Bankrott anmeldete, verglichen niederländische Medien seine Aktivitäten mit denen des Börsenbetrügers Bernard Madoff. Andere Fälschungen wurden zum Teil mit Schwarzgeld, zum Teil mit Mitteln aus unklaren Quellen bezahlt – ein Umstand, der das Schweigen zahlreicher Opfer des Betrugsskandals bis heute erklären mag.
Der Hollywood-Schauspieler Steve Martin kaufte 2004 ein gefälschtes Campendonk-Gemälde für 700.000 Euro bei der Pariser Galerie Cazeau-Béraudière, um es dann 2006 für 500.000 Euro bei Christie’s wieder verkaufen zu lassen. Nach Informationen der ZEIT soll ein deutscher, in Kunstkreisen bekannter Manager das kubistische Portrait Alfred Flechtheim von Louis Marcoussis aus der Quelle Beltracchi/Schulte-Kellinghaus gekauft und nach einigen Jahren weiterveräußert haben – das Bild landete letztlich in der Sammlung des spanischen Telefónica-Konzerns. Der Manager mochte sich dazu bisher nicht äußern.
Galerien und Auktionatoren verzichteten auf Prüfungen
Begonnen hatte alles Mitte der neunziger Jahre, damals fingen der Maler Wolfgang Fischer-Beltracchi, seine Frau Helene, deren Schwester Jeanette Spurzem und der gemeinsame Bekannte Otto Schulte-Kellinghaus damit an, über Galerien und Auktionshäuser Werke zu verkaufen, die zuvor gefälscht worden waren: Bilder von André Derain und Fernand Léger, Max Pechstein und André Lhote, Moise Kisling und Kees van Dongen. Ein angebliches Gemälde des deutschen Expressionisten Heinrich Campendonk (Zwei rote Pferde in der Landschaft) soll nach Informationen der ZEIT aus dem Umfeld Wolfgang Fischer und Otto Schulte-Kellinghaus bereits 1995 beim Berliner Auktionshaus Villa Grisebach eingeliefert und versteigert worden sein, ohne dass damals schon von der ominösen Sammlung Jägers die Rede war. Erst danach – als es wegen anderer gefälschter Bilder zu Ermittlungen in Berlin kam – wurden weitere Fälschungen mit einer gut gebastelten Legende ausgestattet: Der Unternehmer Werner Jägers und der Schneidermeister Wilhelm Knops, so die Erzählungen, hätten die Bilder vor dem Zweiten Weltkrieg in Krefeld beim legendären Galeristen Alfred Flechtheim erworben, in der Eifel über den Krieg gerettet und anschließend an die Beltracchi-Schwestern und an Schulte-Kellinghaus vererbt. Als Beweis für die Existenz der Sammlung wurden irgendwann auch auf alt getrimmte Schwarz-Weiß-Fotos gemacht, auf denen die angebliche Großmutter Jägers’ vor vermeintlichen Bildern von Léger, van Dongen und Pechstein zu sehen ist. Bei der Frau auf dem unscharfen Foto, so eine Zeugin, könnte es sich um Helene Beltracchi selbst handeln. Die Beschuldigten selbst wollen sich zu den Vorwürfen nicht äußern.
Tatsächlich waren die Werktitel verschiedener angebotener Bilder in alten Ausstellungskatalogen zu finden. Die Werke selbst galten als verschollen, sodass ihr Auftauchen in den angeblichen Sammlungen Jägers und Knops durchaus logisch erscheinen konnte. Entsprechend gierig griffen Galeristen und Auktionatoren zu und verzichteten auf materialtechnische Prüfungen – trotz mancher Warnung. So bezeichnete 1995 die die Schwiegertochter des Malers Hans Purrmann ein Bild mit Jägers-Provenienz im Kölner Auktionshaus Lempertz in einem Brief als nicht von ihrem Mann stammend; dennoch verkaufte Lempertz in den Folgejahren andere Werke, die Beltracchi eingeliefert hatte. Auch im Sommer 2008, als dem Auktionshaus Zweifel an der Echtheit von nun schon drei Bildern aus der Sammlung Jägers bekannt waren, erstattete es keine Anzeige gegen die Betrüger, die ihm als Verkäufer wie als Käufer Kommissionen bezahlt hatten. Gegen den Inhaber des Auktionshauses, Henrik Hanstein, läuft in Köln unterdessen ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Betrugs.
Vor allem das Ehepaar Fischer-Beltracchi verdiente mit den Fälschungen Millionen. Im Jahr 2000 kaufte es das Anwesen Domaine des Rivettes im südfranzösischen Mèze am Mittelmeer und ließ es aufwendig renovieren. Fünf Jahre später kam ein Grundstück im Wert von rund 1,1 Millionen Euro im vornehmen Freiburger Stadtteil Herden hinzu, auf das dann eine Villa im Wert von weiteren rund 3,8 Millionen Euro gesetzt wurde. Geld holte das Ehepaar immer wieder von seinem schon 1996 eingerichteten Nummernkonto bei der Bank Crèdit Andorrà. In dem Zwergstaat unterhielt es ein weiteres Apartment. Man fuhr große Autos, leistete sich teure Urlaube und kaufte – unter anderem bei Lempertz – echte Kunstwerke. Das Ehepaar Beltracchi-Fischer erklärte einer Nachbarin in Südfrankreich, das viele Geld stamme aus früheren Drogengeschäften von Wolfgang Fischer. Seine Frau habe den gelernten Maler aus diesem Milieu herausgeholt. Die Kunstsammlung, so die ebenfalls wenig Vertrauen schaffende Erklärung, stamme aus dem Depot einer Bank, das Wolfgang Beltracchi versehentlich überlassen worden sei.
In Untersuchungshaft landeten die mutmaßlichen Betrüger erst, als im vergangenen Sommer dem Kunsthistoriker und Flechtheim-Experten Ralph Jentsch auffiel, dass auf der Rückseite mehrerer Gemälde Etiketten namhafter Galerien sowie der Privatsammlung Flechtheim zu finden waren, die keinesfalls echt sein konnten: Typografie und Druck waren zu schlecht. Jentsch brachte den Skandal ins Rollen und recherchierte zahlreiche weitere Bilder mit Jägers-Provenienz. Eine geschädigte Galerie, die bei Lempertz ein gefälschtes Gemälde von Heinrich Campendonk zum Weltrekordpreis von 2,4 Millionen Euro ersteigert hatte, erstattete Anzeige, und das Berliner LKA begann zu ermitteln. Als die Polizisten im August und Oktober 2010 und im Januar 2011 unter anderen die Anwesen von Wolfgang und Helene Beltracchi in Freiburg und Mèze durchsuchten, fand sich neben einer umfangreichen Kunstbibliothek, Fotografien von mutmaßlichen Fälschungen, Malutensilien, rostigen Nägeln und einem Beamer auf der Festplatte eines Computers auch das Verzeichnis der zuletzt über den Browser Firefox gesuchten Begriffe. Die Beamten lasen unter anderem: »Max Ernst – 2. Weltkrieg und Amerika«, »Campendonk Maler«, »Lempertz-Einlieferungsbedingungen«.
Materialtechnische Untersuchungen an einer Reihe von Bildern haben inzwischen ergeben, dass der Klebstoff, mit dem schon in den 1910er- und 1920er-Jahren die Etiketten auf den Keilrahmen aufgebracht worden sein sollen, eine Chemikalie enthält, die erst ab 1958 verwendet wurde. Mehrere Rahmen von Bildern, die in verschiedenen Ländern zu verschiedenen Zeiten gemalt worden sein sollen, stammen merkwürdigerweise allesamt vom Holz desselben Baumes. Und immer wieder tauchten auf Jägers/Knops-Gemälden Farbpigmente auf – und zwar nicht in Retuschen, sondern in tieferen Malschichten –, die zum Zeitpunkt der angeblichen Entstehung noch nicht zur Verfügung standen, Titanweiß etwa oder Phthalocyaninblau.
Merkwürdig, wie viele Max-Ernst-Bilder plötzlich auftauchen
Das gilt auch für einige jener insgesamt sieben Max-Ernst-Gemälde, die der Kunsthistoriker Werner Spies begutachtete und für echt erklärte und von denen er zumindest einige nach eigener Aussage auch gegen Kommissionszahlungen weitervermittelte. Gegenüber der Polizei erklärte er zur Begutachtung eines zweiten, kleineren Forêt-Bildes bei seiner Zeugenvernehmung: »Aus stilkritischer Sicht hatte ich an diesem Werk keinerlei Bedenken. Ehrlich gesagt, war ich glücklich, ein bislang unbekanntes Werk von Max Ernst entdeckt zu haben.« Auch die Herkunftsangaben erschienen ihm seltsamerweise plausibel. Schon im Februar 1999 hatte ihm Otto Schulte-Kellinghaus handschriftlich mitgeteilt: »Ich habe ein Gemälde von Max Ernst aus der Sammlung meines Großvaters, der mit Alfred Flechtheim befreundet war.« Sieben Jahre später bestätigte der Enkel am 18. Dezember 2006 für einen geplanten Eintrag ins Werkverzeichnis: »Mein Großvater, mütterlicherseits, Schneidermeister aus Krefeld. Er hatte jüdische Bekannte und kaufte viele Bilder über Flechtheim.« Aufgezählt werden unter anderem die Künstlernamen Lhote, Friesz, Marcoussis, Laurencin, Derain und Metzinger.
Offenbar drückten viele Händler und Experten beide Augen zu
Nur 14 Tage später erhielt Werner Spies auch einen Brief von Helene Beltracchi aus Mèze, in dem diese zahlreiche der Künstlernamen – teils falsch geschrieben – wiederholt, aber behauptet, die Werke stammten aus der Sammlung ihres Großvaters mütterlicherseits, Werner Jägers. Sie fügt außerdem noch hinzu: »Ich möchte darauf hinweisen, dass keines der Bilder auf illegale Weise in die Sammlung gelangte, sie stammen weder aus jüdischem Besitz, noch sind sie mit Hilfe nationalsozialistischer Machenschaften in den Besitz der Familie gelangt.«
Über diese eklatanten Widersprüche hätte Spies eigentlich stolpern müssen, warum er es nicht tat, will er im Moment nicht erklären. Unterdessen wird in Frankreich gegen ihn und den Galeristen Jacques de la Béraudière prozessiert – wegen des Verkaufs der mutmaßlichen Ernst-Fälschung Tremblement de Terre. Noch im März hatte Jacques de la Béraudière gegenüber der ZEIT erklärt, dass er die Bilder aus der Quelle Jägers/Knops weiterhin für echt halte. In den Handel mit den mutmaßlichen Max-Ernst-Fälschungen waren auch andere prominente Galeristen aus Paris und Genf wie Marc Blondeau und Waring Hopkins verstrickt.
Zu den Käufern der Max-Ernst-Gemäldes aus den angeblichen Sammlungen Jägers/Knops gehört der schwäbische Schraubenfabrikant und Milliardär Reinhold Würth, ein Duzfreund von Werner Spies. 2009 kuratierte Spies in der Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall die Ausstellung Albtraum und Befreiung – Max Ernst in der Sammlung Würth, die anschließend nach Salzburg wanderte.
Zur Überraschung zahlreicher Fachleute führte der Katalog nicht nur das Gemälde La Horde auf, das aus der Quelle Beltracchi/Jägers stammt, 2006 bei Christie’s in London für 3,5 Millionen Pfund versteigert werden sollte und im Nachverkauf an die Sammlung Würth ging. Abgebildet und damit als echt erklärt sind auch fünf weitere Werke aus den Jahren 1925 bis 1973, die bislang nicht im Werkverzeichnis gelistet waren. Über die Herkunft dieser zum Teil sehr flach gemalten Werke und die Frage, ob sie ins Werkverzeichnis aufgenommen werden, wollen mit Hinweis auf die laufenden Ermittlungen weder die Sammlung Würth noch Werner Spies zurzeit Angaben machen. »Es ist allerdings schon merkwürdig«, kommentiert ein deutscher Museumsdirektor, »wie viele unbekannte Ernst-Bilder auf einmal überall auftauchen.« Mutmaßliche Jägers-Fälschungen hingen auch in Ausstellungen, die Werner Spies 2008 im Moderna Museet in Stockholm und 2005 im Metropolitan Museum of Art verantwortete.
Werner Spies gilt den Ermittlern in Deutschland bislang nur als Zeuge. Dabei ist es nicht das erste Mal, dass der habilitierte Kunsthistoriker durch seine Expertisen juristische Probleme bekam. Das amerikanische Magazin Artnews berichtete im Mai vergangenen Jahres, dass Werner Spies 2002 für die Expertise einer Picasso-Bronze 100.000 Dollar gezahlt wurden. Die Skulptur, die für sechs Millionen Dollar an den Verleger Samuel I. Newhouse verkauft worden war, stellte sich später als Surmoulage, als Kopie einer Kopie heraus. Das Geld an Spies floss damals laut Gerichtsakten über einen Galeristen in New York. Dieser Galerist sagte der ZEIT vergangene Woche, dass er sich zu dem Fall nicht mehr äußern dürfe: Die Geschichte sei sehr verwickelt und im Grunde unlogisch. »Aber wenn viel Geld im Spiel ist«, so der Galerist, »hat die Logik ohnehin nicht die stärkste Karte.”
In dem Artikel wurden am 24. Juni 2011 zwei kleine Änderungen vorgenommen: Nicht die Witwe sondern die Schwiegertochter des Malers Hans Purrmann zweifelte 1995 an der Echtheit eines Purrmann-Gemäldes, das im Auktionshaus Lempertz eingeliefert wurde. Otto Schulte-Kellinghaus lieferte keine Bilder bei Lempertz ein (die Red.)
Quelle: Stefan Koldehoff | Tobias Timm in Zeit online http://www.zeit.de/2011/25/Faelscherskandal-Kunsthistoriker